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Ein Paradies ohne Fliegeralarm



Millionen von Menschen sind derzeit aufgrund von Kriegen weltweit auf der Flucht – darunter auch zahlreiche Kinder. Viele von ihnen finden in Deutschland Zuflucht. So werden beispielsweise an der Mittelschule Erkheim ukrainische Mädchen und Jungen unterrichtet. Es sind nicht die ersten Flüchtlingskinder, die in der Unterallgäuer Gemeinde aufgenommen wurden.
Denn schon während des Zweiten Weltkriegs musste die Erkheimer Schule im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung Schülerinnen und Schüler aus Essen aufnehmen. Im Laufe des Krieges gab es 295 Luftangriffe auf die Stadt, die im Frühjahr 1943 besonders schwer waren und das öffentliche Leben in wichtigen Teilbereichen nachhaltig lahm legten. Nach einem verheerenden Bombenangriff am 13. März 1943 beschloss die Regierung für den Gau Essen, die Schulen zu schließen. Es kam der vorbereitete Plan zur Durchführung, Schüler in ausgewählte Schutzgebiete zu verschicken. Für die Volksschüler war hierfür Schwaben vorgesehen. Laut Aufzeichnungen von Ernst Bausen, einem dieser Verschickungskinder, kamen am Samstag, 15. Mai 1943, etwa 40 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus der Dürerschule in Essen-Borbeck mit ihrem Lehrer Rektor Hans Schulte in Erkheim an. Mit dem Zug waren sie bis Sontheim gefahren und dann abgeholt worden.
Bei der Aufteilung in Erkheimer Familien kam Ernst Bausen zu Josef und Theresia Keller. Keller war Maurermeister und wohnte im heutigen Schmiedeweg 10. Schwiegertochter Elisabeth Keller weiß noch aus Erzählungen, dass die Schwiegermutter ihrem Mann aufgetragen habe, „das kleinste und dünnste Kind“ auszuwählen. Dieser habe Ernst als nicht so groß und zierlich gebaut beschrieben. Der sieben Jahre alte Ernst habe sich schnell in der neuen Familie eingewöhnt, allerdings seien aber oft Tränen geflossen, da die sprachliche Verständigung anfangs nicht einfach gewesen sei. Neben Ernst kamen auch seine beiden Brüder nach Erkheim, während seine zwei jüngeren Schwestern bei der Mutter in Essen blieben und der Vater im Krieg war. Der fünf Jahre ältere Klaus wohnte nur ein Haus weiter bei Zimmermeister Josef Hölzle und machte dort nach der Schule eine Schreinerlehre. In der Mühle war der drei Jahre ältere Adolf untergebracht. Er absolvierte dort später eine Lehre als Müller.
Für die meisten Schüler, die bis dahin nie aus ihrer Stadt herausgekommen waren, sei die Gegend ohne Fliegeralarm eine nahezu paradiesische und friedliche Welt gewesen, heißt es in Bausens Erinnerungen. An freien Nachmittagen habe man in kleinen Gruppen Entdeckungstouren unternommen und sei eines Tages auch in der schönen Anlage des Freibades gestanden. Es habe kein Kassenhäuschen gegeben, kein Bademeister habe den Einlass verwehrt und so seien die Borbecker Kinder alleine im Bad herumgetollt. Ernst schloss rasch Freundschaft mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern. Er habe ein etwas großes Mundwerk gehabt, gegen das sie als Landkinder nicht angekommen seien, erinnert sich Maria Marz, die heute in Memmingen lebt. Sie habe ihm deshalb auf dem Schulweg manchmal gedroht, ihn in den Bach zu werfen. Die Schule befand sich im heutigen Rathaus, in der die evangelischen und katholischen Kinder nach Auflösung der Konfessionsschulen durch die Nationalsozialisten im Oktober 1938 gemeinsam unterrichtet wurden. Nach Kriegsende im Juli 1945 wurden die Bekenntnisschulen dann wieder eingeführt.
Die Verweildauer der Essener Kinder in den Gastfamilien war unterschiedlich. Die ersten Schülerinnen und Schüler seien schon nach wenigen Wochen von ihren Müttern abgeholt worden, teils weil sie das Heimweh geplagt habe oder die Mütter ausgebombt und selbst auf das Land evakuiert worden seien, so Bausen. Nach Kriegsende kehrte Rektor Hans Schulte mit einem Teil der noch verbliebenen Kinder ins zerstörte Essen zurück. Diejenigen, die sich bei ihren Pflegeeltern eingelebt und geborgen fühlten, kehrten erst nach Abschluss der Schule oder nach einer beruflichen Ausbildung, so wie Ernst und seine Brüder, ins Ruhrgebiet zurück. „Nach bestandener Gesellenprüfung als Maurer und einer Portion Neugier auf etwas Neues sowie der Absicht, ein Studium zu beginnen, verließ auch ich als letzter ‚Preuße’ im Dezember 1953 das nun fast 11 Jahre mir Heimat gewesene Erkheim“, schreibt Bausen in seinen Aufzeichnungen.
Nach bestandener Aufnahmeprüfung schloss er ein sechssemestriges Studium an der Ingenieurschule in Idstein als Architekt ab und erwarb an der Technischen Hochschule Aachen den Doktortitel. Er hat aber nie den Kontakt zu seiner „Heimat Erkheim“ verloren. Regelmäßig besuchte er zusammen mit seiner Frau Gisela die Klassentreffen oder die Familie von Josef Keller jun. oder folgte auch den Einladungen zur Goldenen und Diamantenen Konfirmation. Auch die schwäbische Küche hat er mit nach Hause genommen. Laut seiner Frau Gisela gab es im Hause Bausen mehr Spätzle als Kartoffeln. Obwohl Ernst Bausen im November 2021 verstorben ist, bestehen über seine Frau und seine Tochter Christiane weiterhin rege Kontakte nach Erkheim und zu früheren Mitschülern, die jedoch altersbedingt immer weniger werden.

zu Erkheim.Digital - Karl Michl info@erkheim.digital


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